Kolumne "Das letzte Wort"
Schon seit meiner Jugend bin ich verrückt nach Seifenopern. Ob Glamour-Drama, Krankenhauskitsch oder Doku-Soap – ich kann einfach nicht genug kriegen von Intrigen, Liebeswirren und schicksalsschwangerem Geschwafel! Voller Vorfreude erwartete ich deshalb die neue Saison des Bamberger Stadtrats, und ich wurde wahrlich nicht enttäuscht! Schon in den ersten Folgen überschlugen sich die Ereignisse!
Den Auftakt der letzten Staffel hatten ja 2020 vor allem die Grünen gründlich vergeigt, weil sie – möglicherweise durch den Schock des eigenen Erfolgs – in Rekordzeit die eigenen Forderungen und Wahlversprechen (z.B. Postenausschreibung) komplett vergessen hatten. Dafür können sie sich diesmal schön zurücklehnen und zuhören, wie es bei anderen Parteien im Gebälk kracht.
So spaltete die Bamberger CSU sich schlagzeilenträchtig in 2 Lager, nämlich einerseits den Humlschwarm und andererseits die neu formierte CSB, die es zur Abwechslung mal mit „Zusammenhalt, respektvollem Umgang und inhaltlicher Zusammenarbeit“ versuchen wollen. Da sich diese Werte offenbar nicht mit den Grundsätzen der Bamberger CSU vereinbaren lassen, hat Chefpatholog*in Gerhard Seitz mit verdächtig knapper Mehrheit ein Parteiausschlussverfahren gegen die fünf Abtrünnigen erlassen. Kann es noch eine Versöhnung geben?
Nägel mit Köpfen hat hingegen Wolfgang Metzner gemacht und sich in einem überraschenden Plottwist spontan von seiner Partei getrennt. Nun gäbe es aktuell viele Gründe, aus der SPD auszutreten, wie z.B. Scham. Oder Wut. Auf die Genossen in Berlin, die Hand in Hand mit der Union gerade Sozialstaat, Minderheitenrechte und demokratische Wehrhaftigkeit abwracken, um so die Positionen der AfD umzusetzen. Als Grund für das Liebes-Aus nennt der ehemalige 3. Bürgermeister allerdings „mangelhafte Kommunikation“, und das ist auch gut so: Für eine ordentliche Soap sind Zank, Ränkespiele und Gerüchte deutlich wichtiger als irgendwelche politischen Inhalte. Nun sitzt er als frischgebackener Bachelor im Stadtrat und kann sich in der Koalitionsbildungsphase anflirten lassen. Wer will seine Rose annehmen?
Erstaunlich auch, dass einige der schillerndsten Figuren in der neuen Staffel Game-Of-Thrones-mäßig knallhart rausgeschrieben wurden. Aber wer weiß, vielleicht kriegen die demnächst ihr eigenes Spin-Off? („House Of Gaustadt“?)
Im Stadtrat sitzt nun ein bunt durcheinandergewürfeltes Mischmasch an Charakteren mit verschiedensten Leidenschaften und jeder Menge Konfliktpotential. Besonders die Konservativen warnen vor „Zersplitterung“ und malen schon die Weimarer Republik an die Wand, denn es wird in Zukunft sicher schwierig, die Anweisungen von Stadtkämmerer Felix so schnell und unbürokratisch umzusetzen wie bisher.
Ich jedenfalls hab mir schonmal Popcorn gemacht und warte mit Spannung auf die nächste Folge!
Arnd Rühlmann