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Wie schräg ist das denn? Taubenmarkt ohne Tauben!

Aktuelles
Foto: Thomas Pregl

Bamberg/Land. Taubenmärkte – oder wie es früher auch hieß: Geziefermärkte – mit lebenden Tieren gibt es schon lange nicht mehr in den fränkischen Schank- und Essstuben. Dennoch hält sich die Tradition. Mit einem pfiffigen Marketing-Trick. Der umsatzträchtige Name blieb erhalten – und lockt  Trinker, Esser und Zocker von Dreiheiligen bis Ostern  in die Gasthäuser. Und anstatt  Tauben, Hühner oder Schweine zu versteigern, werden nun von den Wirtsleuten Würste, Schinken, Bier, Eierlikör-Torten und manchmal auch eine halbe Sau verlost. Regelmäßige Taubenmarkt-Veranstalter sind noch Stöcklein in Wiesengiech, die Brauerei Hübner in Steinfeld , der Wagner in Kemmern und das Kutscherstübla in Stappenbach.

Ein Urschrei dröhnt aus der hinteren Ecke des Gasthauses Stöcklein in Wiesengiech. „Ich hab´ die Zehn-Schellen!“ Während die glückselige Gewinnerin vom in violetten T-Shirts gekleideten „Taubenmarkt Team“ einen geräucherten Speck, ein Fass Bier und einen Laib Brot überreicht bekommt, werfen die anderen Gäste im proppenvollen Gastraum ihre Karten mit einigen derben Flüchen enttäuscht auf die Tische. „Verdammt, nur die da hinten gewinnen!“, beklagt eine hübsche Dame mit modischer Kurzhaarfrisur  ihre Pechsträhne. Ein Glatzenmann nickt ihr mitfühlend zu. Eine Schweißperle rutscht ihm von seiner Bobbahn ins enttäuschte Gesicht. Der Ärger hält sich nur wenige Sekunden, schließlich warten ja noch weitere zehn Verlosungen auf die Zockerrunde, die sich den zwischenzeitlichen Frust mit einigen frisch gezapften Ungespundeten, einem fruchtigen Beerencocktail und einem trockenen Silvaner hinunterspülen.

Während das Taubenmarkt-Team die Spielkarten, die als Lose gelten, einsammelt und die nächste Verlosung eines „Naschpaketes mit Salami“ ankündigt, steigt die Vorfreude – und mit jedem weiteren Bier auch der Stimmungspegel. „Ich glaube, hier gibt es gar keine Tauben“, erkennt Sozialarbeiter Olli, der zum ersten Mal bei einem Taubenmarkt aufschlägt. „Ich sehe und höre nur Hennen, die hier herumgackern!“ Seine Begleiterinnen nutzen den Einwurf um „Sag mir wo die Tauben sind, wo sind sie geblieben?“ anzustimmen. Stöcklein-Wirt Martin Diller hat die Antwort: „Ich veranstalte seit 31 Jahre den Taubenmarkt. Am Anfang auch noch mit lebenden Tieren. Doch das wurde aus hygienischen Gründen verboten!“

Die Blicke der Gäste kleben wie Patex an den Fingern des Kartenziehers. „Neun, zehn, elf“, schreit er mit schon heiserer Stimme in den erwartungstrunkenen Raum. Dann zieht er die Herz Acht. Am Nachbartisch jubelt eine Großfamilie. „Das Enkela hat gewonnen, der Kleine ist unser Glücksengel!“ Olli und seine Freunde geben sich noch nicht geschlagen. Taubenmarkt ist schließlich Krieg. Und ein paar Schüsse haben sie noch. “Wer will noch Karten?“, fragt der Jüngste des Taubenmarkt-Teams. Finger schnellen wie Bodenluftraketen in die Höhe. Insgesamt 15 Karten, das Stück für einen Euro, kauft die Wettgemeinschaft. „Das Glück kann man nicht erzwingen“, mahnt Karin und ordert noch drei weitere Karten. „Und wehe, ich gewinne nicht, Verlieren kann ich nämlich nicht leiden!“

„Herz König, Herz König! Wer hat den Herzkönig?“ Karin schaut in ihre Karten. Sie ist sichtlich angeknockt. „Ich habe ja gesagt, das Glück kann man nicht erzwingen!“ Ihre neben ihr sitzende Freundin Irene springt auf. „Ich, ich habe den Herz König!“ Jubel am ganzen Tisch. Endlich. Das Glück ist doch gerecht. Irene schnuppert am Speck, dann umschließt sie das 5-Liter-Fass wie einen auf der Kerwa gewonnenen Teddybär.

Thomas Pregl

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