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Buchvorstellung: NSU – Tanjev Schultz deckt das Versagen des Staates auf: „Es ging alles schief!“

Aktuelles
Foto: Thomas Pregl

„Es ging alles schief, was so schief gehen kann – wie bei einem falsch geknüpften Hemd, das zieht sich dann von oben nach unten durch!“ Die schonungslose Analyse des ehemaligen SZ-Journalisten Tanjev Schultz bei seiner Buchvorstellung am Montag, 25.3., im Bamberger Stephanshaus über das Versagen des Staates angesichts des zehn Jahre nicht aufgedeckten Rechtsterrorismus des NSU schockierte – und hinterließ ziemlich ratlose Gesichter.

„NSU. Der Terror von rechts und das Versagen des Staates“, heißt die erschütternde Kriminalgeschichte, die Schultz auf über 440 Seiten, mit vielen Details und durch jede Menge Quellen belegt, erzählt. Der Journalist hat den sich quälend lang hinziehenden Prozess gegen die Terroristin Beate Zschäpe und die mutmaßlichen und tatsächlichen NSU-Unterstützer verfolgt, Tausende Aktenseiten und Hunderte Zeugenaussagen ausgewertet und sich auch selbst auf die Spur der braunen Killer gemacht, die neun Menschen mit türkischem oder griechischem Hintergrund und eine Polizistin auf dem Gewissen haben. Dazu kamen noch drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle. Seine bittere Erkenntnis: Verfassungsschutz und Polizei haben komplett versagt, es gab Fehleinschätzungen und Fehlgriffe reihten sich aneinander, die „Vielfalt der verpassten Gelegenheiten ist erschreckend“.

Dass die Mordserie einen rassistischen Hintergrund hatte, davon wollten die Ermittlungsbehörden nicht ausgehen, stattdessen wurden die Hinterbliebenen drangsaliert, ihnen organisierte Kriminalität oder Rauschgiftgeschäfte unterstellt. Dementsprechend hieß die Fahndungsgruppe auch zunächst „SoKo Halbmond“, dann die Groß-SoKo „Bosporus“, Presse und Polizei sprachen von den „Döner-Morden“, für Schultz ein sprachliches Zeichen von „strukturellem Rassismus“.

Jahrelang tappten die Ermittler im Dunklen, der Verfassungsschutz, so Schultz, glaubte die rechtsradikalen V-Männer unter Kontrolle zu haben, „dabei hielten die V-Männer die Fäden in der Hand“, legten falsche Fährten und unterstützten das mörderisches Trio, zum Teil mit Steuergeldern. In Hamburg gab es ein „zynisch- erschreckendes Beispiel für einen Fehlgriff“ der Fahnder. Die engagierten, erzählte der ehemalige Journalist und jetzige Professor an der Universität Mainz, sogar einen Geisterbeschwörer, um den Mördern auf die Schliche zu kommen. „An einen rechtsradikalen Hintergrund wollten die Ermittler nicht glauben, aber an Hokuspokus schon!“

Schwer auszuhalten wären während des NSU-Prozesses die Beifallsbekundungen des rechten Publikums gewesen sowie die Trauer und Verzweiflung der Hinterbliebenen. An einem Prozesstag warf sich ein Vater eines ermordeten Sohns auf den nackten Gerichtsboden. „Das war ein Moment völliger Stille“, erinnert sich Schultz. „Wir blickten wirklich auf einen im wortwörtlichen Sinne am Boden liegenden, am Boden zerstörten Vater.“

Thomas Pregl

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