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Mit einem Stück über die NSU-Morde bietet das Theater im Gärtnerviertel („TiG“) ganz großes Theater

Aktuelles
Szene aus "Weißes Mäuschen Warme Pistole", Foto: Thomas Pregl

„Weißes Mäuschen Warme Pistole“ – Das Unfassbare fassbar machen

Prädikat: Sehenswert!

Das freie „Theater im Gärtnerviertel“ (TiG) wagte sich im Gärtnerhaus am Landratsamt in der Kaimsgasse 23 mit „Weißes Mäuschen Warme Pistole“ an ein hoch brisantes Thema heran – an die Morde des „Nationalsozialitischen Untergrunds“, kurz NSU. Glänzend von Heidi Lehnert inszeniert, die den beengten Raum und die vorhandenen Möglichkeiten perfekt in die Aufführung einbezog, steigerten sich die drei Schauspieler Ursula Gumbsch, Stephan Bach und Benjamin Bochmann mit einer solchen Intensität in einen Spielrausch, dass es einem den Atem verschlug. Rasante, provozierende Rollenwechsel, eindrucksvolle Mimik, Gestik, variierende Tonlagen, Gesang, perfekte Interaktion – das ist ganz großes Theater. Ein Theater, das der Weltkulturerbestadt Bamberg gut zu Gesicht steht. Prädikat: Sehenswert!

„Wir erschießen jetzt Kanaken!“, jubeln die beiden Rechts-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Papageienhaft versucht sich deren Lebensgefärtin und Frontfrau Beate Zschäpe herauszureden: „Ich war weder an der Vorbereitung noch an der Durchführung dieser Aktion beteiligt!“ Minderstens zehn Menschen hat das NSU-Trio auf dem Gewissen. Zehnmal Jubel. Zehnmal Leugnung. Die Montage der Mordandrohungen mit Zschäpes schriftlichen Aussage wirkt verstörend und zugleich entlarvend. Hatte Zschäpe doch nach dem Selbstmord ihrer Freunde noch mehrere DVDs mit den zusammengeschnittenen Paulchen-Panther-Clips, die nicht nur auf Medienberichte über ihre Taten Bezug nahmen, sondern auch Fotos direkt nach den Morden zeigten, verschickt.

Was treibt drei junge Menschen, die – bis auf ihr erotisches Dreiecksverhältnis – bieder in einer Mietwohnung kochen, Plätzchen backen, Biersaufen und am Computer sitzen, in den „Nationalsozialistischen Untergrund“? Ostdeutsche Minderwertigkeitsgefühle? Ihr Anspruch, durch ihr Tun „Helden“ zu sein, die „Applaus“ verdienten? Das Hoffen, dass wie aus den Kernen eines Apfels neue Bäume entstehen, durch ihre Aktionen sich weiterer Widerstand bildet? Und natürlich der Hass? In der Person des „Herrn H.“ tritt er neben den Terroristen, Mordopfern, Nachbarn, V-Männern und Bekannten auf, ergänzt durch die Schlagzeilen der Zeitungen.

Das Stück der jungen Autorin Olivia Wenzel ist kein Theater, das die schreckliche Mordserie chronologisch beleuchtet. Es ist vielmehr ein Puzzle, in dem einzelne Teile zusammenpassen, andere aber erst zur Seite gelegt werden müssen. Ein komplettes Bild entsteht in diesem schauspielerisch und dramaturgisch überzeugenden Stück nicht. Das ist auch nicht gewollt. Aber es entstehen immer wieder neue Zugänge zu dem Unfassbaren, das irgendwie ja fassbar gemacht werden soll. „Das Vertraute an uns – damit kommst du nicht klar!“ rufen die drei Terroristen dem Publikum zu. Eine Aussage, die viele Bundesbürger angesichts des Rechtsrucks in der Mitte der heutigen Gesellschaft und den Hasstiraden von Menschen gegen Moslems, Ausländer, Juden, Helfer, Journalisten und Politiker, die gestern noch ihre Freunde waren, sicherlich unterschreiben würden.

„Weißes Mäuschen Warme Pistole“ gibt den Opfern auch ihre Identität zurück. Sie werden wieder Menschen, mit ihren Berufen, Familien und Sehnsüchten. Schockierend, wie das Stück die Art ihrer Schussverletzungen bis ins kleinste Detail dokumentiert. Was Menschen Menschen antun können, wenn sie ihrem Hass folgen – es bleibt dennoch unfassbar.

In fiktiven, unglaublich beklemmenden Szenen sprechen die Mordopfer miteinander, beklagen sich bei der ebenfalls umgebrachten Bereitschaftspolizistin Michele Kiesewetter über die fehlende Aufklärungsbereitschaft der Ermittlungsbehörden und der „SoKo Bosporus“, die auf „Döner-Morde“ fixiert sind und den rechtsradikalen Hintergrund der Taten verkennen oder verkennen wollen. Ermittlungspannen? Kalkül?

Wenn schon Staatsanwaltschaft, Gericht und Ermittlungsbehörden nicht alle Fragen dieses peinlichsten Polit-Krimis der Nachkriegsgeschichte beantworten können (weil sie auch geschreddert wurden?), so kann das natürlich auch nicht „Weißes Mäuschen Warme Pistole“. Aber das Stück und die drei grandiosen Darsteller zeigen glänzend auf, was Theater heute sein kann, sein darf und sein muss: unbequem, provozierend, irritierend, hinterfragend und anregend.

Text: Thomas Pregl

Es gibt noch sechs weitere Aufführungen. Siehe FN-Kalender oder unter www.tig-bamberg.de

 

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