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Vierzig Jahre in my room: Ohrwürmer aus der Hölle (Kolumne FN Oktober 2026)

Kolumne "Das letzte Wort"
Arnd Rühlmann

Ich habe einen Ohrwurm. In endloser Dauerschleife dudeln die immer gleichen 8 Takte durch mein Gehirn. Und kaum versuche ich, einen Gedanken zu formulieren, plärrt es wieder von vorne los.
Können Sie mir verraten, wie man dabei eine Kolumne schreiben soll? Wie soll man bitteschön geistreiche Bonmots und scherzhafte Geistesblitze verfassen, wie mit spitz geschliffenen Pointen-Pfeilen aus dem Satire-Köcher auf die Missstände der Republik und die Fehltritte der Mächtigen zielen? Wie soll man der Gesellschaft einen sprachlich fein ziselierten Spiegel vorhalten, in dem sich kaleidoskopisch sensible Alltagsbeobachtungen und subtile Anspielungen zu einem detaillierten Sittengemälde unserer Zeit zusammenfügen, wenn es im Kopf ununterbrochen tönt: „Wir sagen Daaaaankeschööön, vierzig Jahre die Flippers!“

Warum nur hat man eigentlich nie ein schönes Lied oder wenigstens kulturell wertgeschätzte Musik als Ohrwurm? Aber nein, es sind nie David Bowie oder Beethoven, die einem im Kopf herumspuken, immer ist es DJ Ötzi oder Modern Talking oder eben „vierzig Jahre die Flippers!“

Dabei war es nur ein dummer Zufall. Nur versehentlich kam ich ganz unschuldig auf dem Weg zum Supermarkt an einem geöffneten Fenster vorbei, aus dem ein Radio die Straße beschallte: „Wir sagen Daaaaankeschööön …“ Zack, war es um meinen Seelenfrieden geschehen.

Zu allem Überfluss läuft man ja auch noch Gefahr, den Ohrwurm zwar unbewusst aber für andere hörbar laut mitzusummen oder zu singen. Ich bin schließlich Künstler, wie schnell ist da die hart erarbeitete Reputation ruiniert, weil irgendjemand mitbekommt, wie ich meinen Einkaufswagen durch die Gemüseabteilung schiebe und dabei geistesabwesend vor mich hinträllere: „Daaaaankeschööön, vierzig Jahre die Flippers!“

Wenn man Doktor Google befragt, mit welchen Mitteln man Ohrwürmer am besten kuriert, erhält man folgende Vorschläge:

1) Kaugummi kauen: Angeblich blockiert die Nutzung der Kiefermuskulatur das akustische Kurzzeitgedächtnis, das die Endlosschleife antreibt. Jaja. Angeblich hilft auch Luftanhalten gegen Schluckauf. Alles Humbug!
2) Ablenkung durch Konzentration: Lösen Sie ein schwieriges Rätsel oder machen Sie eine Rechenaufgabe. Aber wie soll man sich bitte denn konzentrieren, wenn die ganze Zeit „vierzig Jahre die Flippers!“ (sic!)
3) Das Lied einmal bewusst und ganz anhören: Nur über meine Leiche!

Ich empfehle den Trick meiner Freundin Vroni. Die riet mir, gegen einen Ohrwurm einfach ein anderes, ebenso nerviges Lied anzusingen bis er weg ist. Auf die Art bekämpft man zwar den Teufel mit dem Beelzebub, aber immerhin. Ihr Allheilmittel war der Song „Boom, boom, boom, boom, I want you in my room …“

Ob das funktioniert? Ehrlich gesagt nur so lala. Aber dafür denke ich jetzt jedes Mal, wenn ich einen Ohrwurm habe, an meine Freundin Vroni, und das ist doch irgendwie auch schön.

Arnd Rühlmann

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