Kolumne "Das letzte Wort"
„Ich lese Ihre Kolumne ja wirklich ganz gern …“ sagt die junge Frau am Nebentisch, die mich eben gefragt hat, worüber ich denn gerade schreibe, und ich bin mir sicher, dass ein unerfreuliches „Aber“ folgen wird. „Aber jedes Jahr im Juli den Christopher Street Day zu thematisieren, wird doch auch langweilig.“ Au contraire, Mademoiselle! Es wird sogar mit jedem Jahr aufregender, im ach so sicheren Deutschland sexuell oder geschlechtlich von der Norm abzuweichen. Ein paar Beispiele gefällig?
Laut Statistik des Bundeskriminalamts ist die Zahl queerfeindlicher Straftaten erneut deutlich gestiegen. Mit insgesamt 2377 registrierten Fällen wurde ein Anstieg von 12,8% zum Vorjahr verzeichnet. (Seit 2015 hat sich die Zahl fast verzehnfacht.) Besonders auffällig ist der hohe Anteil von Gewaltdelikten. Sicherheitsbehörden beobachten insbesondere eine zunehmende Mobilisierung rechtsextremistischer Gruppierungen gegen die LGBTIQ-Community. (Quelle: BKA)
In Brandenburg (und anderen Bundesländern) lässt sich vermehrt beobachten, wie sich junge Neonazis und Jugendliche mit Migrationsgeschichte trotz aller Widersprüche zusammentun, um gemeinsam brutal Jagd auf schwule Männer zu machen. (Quelle: Tagesspiegel)
Die eiserne Jungfrau des homophoben Kulturkampfs, Familienministerin Karin Prien (CDU) stoppte die Förderung des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ und diverser Selbstbestimmung-Projekte, cancelte den Aktionsplan der Bundesregierung gegen Queerfeindlichkeit und meinte im Interview zum Thema „Gesellschaftliche Vielfalt“: „Als staatliches Förderziel sehe ich das nicht.“ (Quelle: taz)
Toleranz-Dilettant Hubert Aiwanger (FW) bezeichnete beim ARD-Talk „Hart aber fair“ queere ESC-Acts wie Conchita Wurst als „Klamauk“. Er behauptete, dies habe nichts mit Musik zu tun und sei für den „Normalbürger“ unverständlich. Kritik an seiner Position nannte der niederbayrische Hirnakrobat „Intoleranz mir gegenüber“. (Quelle: ARD)
Lobby-Blondine Julia Klöckner (CDU) beendete ja bereits im letzten Jahr die Tradition, zum Berliner CSD die Regenbogenfahne auf dem Reichstag zu hissen, was unser Fettnäpfchen-Fritze (Bundeskanzler) mit den Worten „Der Bundestag ist ja nun kein Zirkuszelt“ quittierte. In einer Rede konstatierte sie, wer ihr deswegen Homophobie vorwerfe, zeige „überschaubare intellektuelle Tiefe“. (Quelle: ZDF heute)
Auch der neue Oberbürgermeister von Aschaffenburg Markus Schlemmer (CSU) veranlasste, dass zum dortigen CSD keine Pride-Flagge mehr vor dem Rathaus wehen durfte. Eine Woche nach der Veranstaltung wurde in der Innenstadt eine Regenbogenfahne mit der Aufschrift „Peace“ von Jugendlichen angezündet. (Quelle: Main-Echo)
Ist Ihnen das spannend genug, Gnädigste? Na also.
Am 11. Juli ist wieder CSD in Bamberg. Bitte passt gut auf unsere Regenbogen-Gemeinde auf. Sie ist in Gefahr.
Arnd Rühlmann