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Wenn Holzfiguren Kinder friedlich machen… Der Clown und Pädagoge Dirk Bayer entwickelte ein Figuren-Set gegen Gewalt

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Die Figuren sind nicht größer als die Ritter, Baggerfahrer oder Polizisten von Playmobil. Sie haben runde Köpfe aus glattem Holz und bewegliche Arme und Beine aus Sisal. Sie können bedrohen, beschützen, Gruppen bilden, davonlaufen, Hilfe holen. Mit dem von ihm über drei Jahre entwickelten Figurenset „Gewalt – (k)ein Thema?!“ (Wehrfritz) will der Bamberger Clown und  Gewaltpräventologe Dirk Bayer Lehrkräften die Möglichkeit geben, gewalttätige Konflikte bei und zwischen Kindern spielerisch zu lösen. Und vor allen: Sie in Zukunft kompetent anzugehen. Die FN traf sich mit Bayer gemäß seinem Motto: „Nur wer über bestehende Konflikte spricht, hat eine Chance sie zu lösen!“

FN: Dein Logo zeigt einen lachenden Clown mit roter Nase. Wie viel Clown steckt in dem Privatmenschen Dirk Bayer?
Bayer: Der Clown ist schon das, was mein Wesen ausmacht. Der Clown ist für mich keine Figur, die nur lacht, sondern er ist eine archetypische Figur, die gerne auch etwas provokant ist, die den Spiegel vorhält und den Finger in die Wunde legt: Der Clown ist auch der, der sich die Dinge gerne anschaut. Auch in meiner Gewaltprävention ist immer ein Anteil Clown dabei. Denn es ist wichtig, dass die Kinder auch Spaß haben. Und mit Spaß dann auch ernste Themen bearbeiten.

FN: Worüber hast du zuletzt gelacht?
Heute in der Schule. Es ging um das Thema Missbrauch. Und ich spiele den Täter, der die Kinder auf dem Schulweg anquatscht. Und wir üben mit den Kindern, wie sie wegrennen, laut schreien, sich Hilfe holen. Und in einer Szene quatsche ich also einen Jungen an, der rennt weg und sagt ganz empört zu einem Mitschüler: „Der fette Mann da hinten, der wollte mich mitnehmen! Der ist mir viel zu dick!“ Das war natürlich der Running Gag am gesamten Vormittag…

FN: Was muss passieren, dass dir das Lachen vergeht?
Mir vergeht das Lachen relativ häufig. Zum Beispiel beim Thema Glyphosat. Ich bin ja auch Jäger und so viel in der Natur unterwegs. Und ich stelle fest, dass es immer weniger Insekten und Vögel gibt. Und ich führe diesen Umstand auch darauf zurück, dass wir immer mehr Pestizide spritzen. Und wenn ich dann lese: „Das ist noch nicht erwiesen, wir könnten ja noch zehn Jahre…“. Das sind Dinge, da bleibt mir das Lachen im Hals stecken.

FN: Und lokal, wann vergeht dir da das Lachen?
Wenn in der Montessori-Schule der Putz von den Decken fällt oder die Kaulberg-Schule schimmelige Wände hat. Da bekommt man den Eindruck, dass die Stadt Bamberg andere Prioritäten setzt. Man denke nur daran, was der Abriss des Parkhauses an der Breitenau gekostet hat oder das Andreas Starke-Gedächtnis-Bad.

FN: Auf deiner Visitenkarten stehen verschiedene Tätigkeiten, unter anderem Clown, Präventionspädagoge, Coach, Schauspieler. Was machst du am Liebsten?
Ich trenne die Tätigkeiten eigentlich nicht so. Die Schnittmengen sind immer fließend. Wenn ich Präventionsarbeit in den Schulen mache, bin ich immer auch Clown; und wenn ich Clown bin, bin ich auch immer ein wenig ich. Und als Clown bin ich auch Coach; Und wenn ich coache, dann bin ich auch immer Schauspieler, weil ich dann oft ins Rollenspiel einsteige.

FN: Du bist ja schon lange als freischaffender Künstler und Pädagoge unterwegs. Schon mal diesen Weg bereut und sich nach einem warmen, sicheren Nest als Angestellter gesehnt?
Nein, noch nie. Ich kann so schlecht weisungsbefugt arbeiten. So war von Anfang an klar, dass ich freiberuflich arbeite. Ich habe ja Chapeau Claque mitaufgebaut. Und als ich mit dem Studium fertig war, habe ich schon ganz, ganz viele Projekte gemacht. Und da war schon klar, ich bleibe freiberuflich. Und mit dem Tätigkeitsprofil, das ich habe, findest du auch keine Anstellung. Also mit dieser Vielseitigkeit. Und jede Anstellung würde Einschränkung bedeuten.

FN: Wirst du für deine Tätigkeiten auch ordentlich bezahlt oder bist du eher ein brotloser „Künstler“?
Da ich nicht bei „Bamberg zaubert“ auftrete, bekomme ich auch Honorar (lacht). Mein Hauptarbeitsfeld ist an Schulen. Und Schulen haben nicht so viel Geld für Gewaltprävention. Aber um die Preise erschwinglich für die Schulen zu halten, damit sie sich mich leisten können, arbeite ich auch als Coach. Und da habe ich dann höhere Tagessätze, egal ob storytelling, Körpersprache oder Konfliktmanagement.

FN: Du hast ein Präventionsspiel entwickelt…
Ich arbeite ja an den Schulen zum Thema Prävention. Und ich gebe danach immer Nacharbeiten auf. Es kamen viele Lehrer auf mich zu und sagten: „Wir trauen uns das nicht mit Theater und Rollenspiel. Das ist uns zu heikel. Was ist, wenn die Kinder dann ausflippen?“ Und da habe ich mir überlegt, wie kann ich meine Präventionsarbeit in ein handliches Format übersetzen, bei dem Lehrer mit den Kindern arbeiten können, ohne dass sie befürchten müssen, die Kontrolle zu verlieren. Und darum habe ich dieses Figurenspielset entwickelt, das auf meinen Gewaltpräventionsstücken basiert. Die Lehrer können dieses Spiel von der ersten bis zur sechsten Klasse einsetzen. Und es sind noch weitere Versionen in Arbeit für höhere Klassen, für Familien, für Kindergärten. Auchsind Erweiterungssets in Planung – zum Thema Missbrauch, Rechtsextremismus oder zum Thema Flüchtlinge. Und so können Lehrer zu allen möglichen Themen, was soziale Kompetenz, was soziale Beziehungen angeht, mit den Schülern arbeiten. Sie können eine Kompetenzmappe erstellen: Und im Ernstfall auf sie zurückgreifen, um Konflike zu erkennen und zu lösen.

FN: Machen wir doch mal den Praxistest: Wie hätte die ausgefallene Sandkerwa mit ihren dafür verantwortlichen Hauptfiguren gerettet werden können?
Das Set dient ja dazu, sich bewusst zu werden, wie der Konflikt läuft. Von daher hätte man diesen Konflikt um die Sandkerwa schon mit den Beteiligten spielen können. Die Frage ist, ob die nötige Bewusstheit der Beteiligten vorhanden ist. Und die nötige Einsicht, dann auch wirklich etwas zu verändern.

FN: Ist die Gesellschaft brutaler geworden?
Das Thema „defizitärer Selbstwert“ wird immer größer. Das heißt, Kinder, die nicht gesehen werden in ihrem eigenen Sein, nicht wahrgenommen werden, entwickeln einen defizitären Selbstwert. Und um auf sich aufmerksam zu machen, schlagen sie ihrer Mitschülerin auf den Kopf, um wenigstens so wahrgenommen zu werden.

FN: Gerade liegt der Abschlussbericht zum Missbrauch- und Gewaltskandal bei den „Regensburger Domspatzen“ vor. Wie kann es sein, dass über Jahrzehnte ein Mantel des Schweigens über diese Dinge gebreitet wird – und keiner ihn zu lüften wagt?
Es geht ja bei Missbrauch um Macht. Es geht darum, dass der Täter machen kann. Und ich glaube, dass im Regensburger Fall die Täter, die Macht ausüben, sich auch gegenseitig schützten. Nach dem Motto: Ich verrate nichts über dich. Und du verrätst nichts über mich. Das erlebt man im Kleinen auch an Schulen oder in Betrieben, dass sich die Kollegen nicht gegenseitig ans Bein pinkeln wollen. Wir schauen oft weg, zeigen keine Zivilcourage, weil wir Angst haben, vor einer Bewertung von außen, dass uns was passieren könnte, dass wir blöd dastehen…

Interview: Thomas Pregl

Die FN verlost 1 Konfliktlösungs-Set „Gewalt – (k)ein Thema?!“ von Dirk Bayer. Einfach bis zum 31. August 2017 eine Mail oder eine Postkarte mit dem Stichwort „gewaltlos“ an die FN-Redaktion schicken. Bitte die Tel.-Nr. angeben, wir rufen den oder die Gewinner(in) an. Viel Glück!

 

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