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Theater: Antigone (Sophokles) am ETA Hoffmann Theater

Aktuelles
Foto: Martin Kaufhold

Fernsehserien sind der Trend. Was heute über den Bildschirm flimmert, hat mit „Bonanza“ und ähnlichem wenig zu tun. Serien wie „Game of Thrones“  oder „The Walking Dead“ beschwören in epischer Länge die Apokalypse mit wandelnden Toten, und muten dem Publikum viel zu. Denn das Spektakel ist nur Kulisse für lange Dialoge, um die großen Fragen: Was ist richtig und falsch? Wie viel Schlechtes muss man zulassen, um das Gute zu schützen? Und was unterscheidet den Menschen von den lebenden Toten, die da draußen ohne Seele und Verstand umherstreifen?

Dem Kino macht dieses unendlich große Format das Leben schwer. Was soll da erst das Theater sagen, das eigentliche Kompetenzzentrum für die großen Fragen der Menschheit? So allgegenwärtig ist die Fernsehserie, dass sie sogar den Anfang eines Artikels besetzt, der einem Theaterstück gilt. Nicht irgendeinem sogar, sondern der „Antigone“ von Sophokles, vor zweieinhalb Jahrtausenden uraufgeführt und Teil seiner Thebanischen Trilogie um den König Ödipus und sein Erbe, die hier in eine der größten Fragen mündet: Was ist gerecht? So steht es auch auf dem Plakat.

Sein Erbe hatte Ödipus nämlich seinen Söhnen gleichermaßen hinterlassen: Eteokles und Polyneikes sollten abwechselnd über Theben herrschen. Doch als Polyneikes an der Reihe ist, weigert sich sein Bruder, abzutreten. Polyneikes sammelt Verbündete und versucht, die Stadt zu erobern. Dabei töten sich die Brüder gegenseitig, ihr Onkel Kreon übernimmt die Herrschaft: Seinen Neffen Eteokles, der die Stadt verteidigt hat, lässt er den Sitten gemäß beerdigen, Polyneikes aber lässt er als Feind der Stadt vor den Toren der Stadt liegen und verbietet seine Bestattung. Damit verwehrt er ihm den Einzug ins Totenreich. Soweit die Vorgeschichte. Die Tragödie beginnt, als beider Schwester Antigone beschließt, den Bruder trotzdem zu bestatten. Mehr noch, sich dazu zu bekennen, obwohl darauf der Tod steht. Denn hier gehe es um ein höheres Recht. Für göttlich hält sie’s, wer anderes vorzieht, mag es auch Ethik oder Moral nennen.

Denn die Fragen, um die sich das Stück dreht, sind ewig und allgegenwärtig, ganz gleich, in welcher Zeit oder Kultur. Weshalb die „Antigone“ ja auch nach zweieinhalb Jahrtausenden noch ein Dauerrenner ist, der zahllose weitere Werke quer durch alle Künste inspiriert hat. Im Studio des ETA-Hoffmann-Theaters gibt die Ausstattung von Cleo Niemeyer ein wenig von dieser Zeitlosigkeit wieder: Eine lange weiße Tafel steht breit vor der offenen Fernsterfront zum Park vorm Theater, üppig mit Blumen geschmückt, doch übers weiße Laken rinnen blutrote Spuren. Davor, dahinter, darüber kriecht und schleicht das Ensemble in hautfarbener Stützwäsche und Korsettage unter grauen Pelzumhängen, lehmverschmiert.

Das erinnert ein wenig an „Game of Thrones“ oder „The Walking Dead“. Ist aber anders, eigen. Die Regisseurin  Mizgin Bilmen und der Dramaturg Olivier Garofalo haben die Vorlage in einen Einakter verdichtet, die Chöre etwa, die zwischen den Akten die Geschehnisse kommentieren, in einer Figur verkörpert und die zudem in die Non-Stop-Handlung eingefügt. So tritt nun als erstes Teiresias (Nicolas Garin) auf, der blinde Seher, der auch Odysseus half. In Bamberg erscheint er in karmesinroter Spandexhose und weißer Mähne als eine Art Glam-Rock-Mephistopheles, der eh schon weiß, wie das alles enden wird.

Nicht gut, mag man annehmen, wenn man vor einer Tragödie sitzt. Doch es dauert nicht lange, und es zieht hinein in dieses Stück, das es ja dem Publikum ja auch nicht zu einfach machen will, schließlich ist dies keine Fernsehepisode, sondern Theater. Wer gerade nicht auftritt, wird wieder zum Teil des Bühnenbilds, windet und schleicht geisterhaft am Rande um die Szene herum – vielleicht wie eine Anspielung an den fehlenden Schicksalschor.

Die Sprache ist gewählt. Die Bamberger Aufführung folgt der Übersetzung von Friedrich Hölderlin. Die war zwar zu ihrem Erscheinen vor zweihundert Jahren den meisten zu eigenwillig, und wurde erst nach hundert Jahren wiederentdeckt und für ihre Sprachgewalt bejubelt, doch das ist immer noch ein Jahrhundert her. Für Bamberg wurden die allzu dunklen, fehlerhaften und unverständlicheren Passagen zeitgemäß übersetzt. Das hat gerade an diesen Bruchstellen einen Reiz, dennoch sehen wir den antiken griechischen Klassiker auch in moderner Inszenierung immer noch nur als Spiegelung in der Brille der deutschen Romantik (wie so viele andere Stücke auch). Das ist eine künstlerische Entscheidung, an der es nichts zu diskutieren gibt; Fernsehserien machen das anders.
Trotzdem: Es funktioniert. Anna Döing spielt die Antigone irgendwo zwischen Mädchen und Frau, die Ideale hochhält, die sie bald zu erdrücken drohen. Um sie die zögerliche Schwester (Katharina Rehn) und der Verlobte (Alexander Tröger), die sie abzuhalten beziehungsweise zu retten versuchen. Dagegen Kreon (Pascal Riedel), der sein Prinzip durchsetzt, dass nur strenge Regeln ohne Ausnahme Stabilität und Frieden garantieren können. Und still im Hintergrund seine Frau Eurydike (Marie Nest): Erst ganz zum Ende erlebt sie ihren großen Auftritt, dafür und deshalb aber umso wirkungsvoller.
Der eigentliche „Held“ ist aber nicht die idealistische Prinzessin, sondern der kalkulierende Herrscher Kreon, der sich immer stärker in seinen Prinzipien der Macht verfängt, bis er in einem starken Abschluss seine schmerzhafte Läuterung erfährt. Mehr soll nicht verraten werden. Auch ein noch so berühmter Klassiker verdient keine Spoiler.

Arnd Peter Hartig

Aufführungstermine siehe FN-Kalender oder unter  http://www.theater.bamberg.de/

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