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Sigi Zimmerschied gegen das „Dopplerleben“ – Ganz, ganz böses (gutes) Kabarett, oder?

Bamberg News
Foto: Thomas Pregl

Wie kann man nur so böse sein? Bei Sigi Zimmerschied, dem begnadeten Grantler und Volksvorführer, hält der Inhalt, was die Werbeverpackung verspricht. Mit ungeheurem Wortwitz, heiligem Zorn aufs Diesseits, kübelweiser Ironie, kaffkaesken Querschlägern, grotesker Mimik und auch dem einen oder anderen Schimpfwort aus den Niederungen der niederbayerischen Sprache knüpfte er sich bei seinem Auftritt am 5. April im Hallstadter Kulturboden – ohne jeden Anflug von political correctness (die man/frau inzwischen auch bei einem Kabarettisten erwartet) – in seinem neuen Programm „Dopplerleben“ die gängige Doppelmoral vor.

Dafür schlüpfte er in die Figur des Hans Doppler – entstammend einer erfolgreichen Fälscherfamilie in der 16. Generation. Ach, war das früher noch schön, als Fälschen noch als große Kunst galt und die Menschheit bewegte – und nicht Allgemeingut von Politikern, Aktivisten, Internetblasen, Filmemachern und den Sozialen Medien war.

Hans Doppler verehrt seinen Vorfahren Giovanni Doppio, den Barbier von Venedig, der einen tödlichen Kollateralschaden beim Rasieren nutzt, um mit etwas Wasser, einem feuchten Keller und einem Laken daraus das weltberühmte Turiner Leichentuch Christi zu produzieren. Selbst sein Großvater übte sich in der vaterländischen Pflicht, mit gefälschten Entnazifizierungsdokumenten der BRD zum Aufschwung zu verhelfen. Doch der Ruf der Fälscherfamilie beginnt zu verblassen. Sein Vater darf noch Lebensläufe bayerischer Politiker begradigen, um sie so auf den rechten Weg zu bringen. Doch was bleibt ihm, dem vorerst Letzten aus der legendären Lügendynastie? Ein paar gefälschte Impfausweise, erlogene Sozialprognosen für Serientäter – und natürlich seine Amelie, in die er sich unsterblich verliebt hat.

Das ist natürlich gar nicht so leicht, denn Amelie ist Veganerin, woke und moralisch immer auf der richtigen Seite. Er muss sie belügen, um sie zu halten. Er begleitet sie zum nachhaltigen Essen, verdrückt aber auf der Restauranttoilette mitgebrachte Regensburger Würste und Obatzter. Dabei verspürt er eine „wachsende Sehnsucht nach der Wahrheit“. Die zu äußern, ist schwer in diesen Tagen. Influencerinnen sind Avon-Beraterinnen mit Internetanschluss, Filmemacher gieren nach queeren Schauspielern und Perversen. „Pro Film hatten wir früher einen Pervesen – und den hat Klaus Kinski gepieltt!“ Und auch der lianenschwingende Tarzan ist ein No Go    – „die Affen haben wegen kultureller Aneignung geklagt“.

Das Wort Altersmilde kennt Sigi Zimmerschied auch mit seinen 70 Lenzen nicht. Dem Publikum blieb wegen seiner gekonnten Dauerätze manch´ befreiendes Lachen im Halse stecken. Hat uns Sigi Zimmerschied durchschaut? Ist er unserer verlogenen Wahrheit zu nahe gekommen?    Vielleicht hilft eine Erkenntnis aus seiner Beziehung zu Amelie: „Glück ist, jemanden gefunden zu haben, der alles schuld ist“.

Thomas Pregl

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